Hintergrund

Asbestose: Symptome, Latenzzeit und was Berliner Mieter wissen müssen

Asbestfasern, einmal eingeatmet, bleiben im Körper — ein Leben lang. Die Erkrankungen, die sie auslösen, zeigen sich oft erst Jahrzehnte später. Wer in den 1990er oder 2000er Jahren in einer Berliner Asbestwohnung gelebt hat, kann heute Symptome entwickeln.

Warum Asbest so gefährlich ist

Asbest ist ein natürlich vorkommendes Mineral, das aufgrund seiner Hitzebeständigkeit und Festigkeit jahrzehntelang als Baustoff eingesetzt wurde. Die Gefahr liegt in den mikroskopisch kleinen Fasern: Sie sind so fein, dass sie beim Einatmen tief in die Lunge eindringen — und dort dauerhaft verbleiben. Der Körper kann Asbestfasern nicht abbauen.

Die EU-Richtlinie 1999/77/EG stellt unmissverständlich fest: Es gibt keinen Schwellenwert, unter dem Chrysotilasbest nicht mit einem Krebsrisiko verbunden wäre. Prof. Dr. Andrea Tannapfel, Leiterin des Mesotheliomregisters an der Ruhr-Universität Bochum, formuliert es noch knapper: Eine einzige Faser kann ausreichen. Ausführlicher erklärt die Seite Was ist Asbest?, welche Asbestarten in Berliner Wohnungen verbaut sind.

Drei Erkrankungen — eine Ursache

Asbest verursacht drei Haupterkrankungen, die alle als Berufskrankheiten anerkannt sind — obwohl sie auch Mieter treffen, die nie beruflich mit Asbest zu tun hatten.

Asbestose ist eine chronische Vernarbung des Lungengewebes. Die eingeatmeten Fasern lösen eine dauerhafte Entzündungsreaktion aus, die das Lungengewebe nach und nach durch Narbengewebe ersetzt. Die Lunge verliert an Elastizität, der Gasaustausch wird beeinträchtigt. Typische Symptome sind zunehmende Atemnot bei Belastung, trockener Reizhusten, der über Wochen nicht abklingt, ein Engegefühl in der Brust und verminderte körperliche Belastbarkeit. Im fortgeschrittenen Stadium kann es zu Trommelschlägelfingern und Uhrglasnägeln kommen — sichtbare Zeichen eines chronischen Sauerstoffmangels. Asbestose ist nicht heilbar. Die Behandlung kann lediglich das Fortschreiten verlangsamen.

Mesotheliom ist ein bösartiger Tumor des Brust- oder Bauchfells. Es ist fast ausschließlich durch Asbest verursacht und gilt als besonders aggressiv. Die mittlere Überlebenszeit nach Diagnose beträgt 12 bis 21 Monate. Frühe Symptome sind unspezifisch: Brustschmerzen, Atemnot, unerklärlicher Gewichtsverlust, Nachtschweiß. Gerade weil die Symptome zunächst harmlos wirken, wird das Mesotheliom häufig erst spät erkannt.

Lungenkrebs durch Asbest unterscheidet sich klinisch nicht von anderen Formen des Bronchialkarzinoms. Die Kombination aus Asbestexposition und Rauchen erhöht das Risiko jedoch um ein Vielfaches — die Effekte multiplizieren sich.

Die Latenzzeit — warum die Zeit gegen Betroffene arbeitet

Das Heimtückische an asbestbedingten Erkrankungen ist die Latenzzeit: die Zeitspanne zwischen der Exposition und dem Auftreten der Erkrankung. Bei Asbestose beträgt sie in der Regel 10 bis 20 Jahre. Bei Mesotheliom sind es 20 bis 40 Jahre, in Einzelfällen sogar länger. Bei Lungenkrebs liegt die Latenzzeit typischerweise bei 15 bis 30 Jahren.

Was bedeutet das konkret? Ein Mieter, der im Jahr 2005 bei einer Renovierung in einer degewo-Wohnung Asbestfasern eingeatmet hat — weil die degewo die Asbestbelastung verschwieg —, könnte frühestens zwischen 2025 und 2045 an einem Mesotheliom erkranken. Die Staatsanwaltschaft Berlin argumentierte 2021 im degewo-Strafverfahren, es seien „keine erheblichen Verletzungen" verursacht worden (Az. 281 UJs 699/21). Die Latenzzeit macht diese Aussage zynisch: Der Schaden ist möglicherweise längst angerichtet — er ist nur noch nicht sichtbar.

In Deutschland sterben jährlich offiziell etwa 1.700 Menschen an den Folgen von Asbestexposition. Die tatsächliche Zahl wird von Experten auf bis zu 15.000 geschätzt, weil viele Fälle nicht als asbestbedingt erkannt werden.

Wer in Berlin besonders betroffen ist

In Berliner Wohnungen wurden vor allem asbesthaltige Floor-Flex-Platten, Wandplatten und Rohrisolierungen verbaut — schwerpunktmäßig in den 1960er und 1970er Jahren. Allein bei den landeseigenen Wohnungsgesellschaften sind Stand 31.12.2024 mindestens 29.153 Wohnungen betroffen (Drs. 19/23 946). Die IG BAU schätzt, dass berlinweit bis zu 874.600 Wohnungen in den „Asbest-Jahrzehnten" gebaut wurden — 37 Prozent aller Wohngebäude der Stadt.

Besonders gefährdet sind Mieter, die in den letzten Jahrzehnten Renovierungsarbeiten in ihren Wohnungen durchgeführt haben — oft ohne zu wissen, dass unter dem Laminat oder PVC asbesthaltige Platten lagen. Beim Abschleifen, Herausbrechen oder Fräsen solcher Materialien werden massive Mengen Asbestfasern freigesetzt. Im dokumentierten Fall der Graunstraße 7 wurden 1,2 bis 1,5 Millionen Fasern pro Kubikmeter gemessen — ein Wert, den die Polizei als „schlimmstmöglichen Fall" einstufte. Die Chronologie des Berliner Asbest-Skandals dokumentiert, wie das System des Schweigens über Jahrzehnte funktionierte.

Was tun bei Verdacht?

Wer vermutet, Asbest ausgesetzt gewesen zu sein, sollte folgende Schritte erwägen. Zunächst einen Arzt aufsuchen, idealerweise einen Pneumologen oder Arbeitsmediziner. Schildern Sie die mögliche Asbestexposition konkret: wann, wo, wie lange, welche Tätigkeit. Eine Röntgenaufnahme oder CT der Lunge kann erste Hinweise liefern. Bei beruflicher Exposition kann eine Berufskrankheitenanzeige (BK-Nr. 4103 für Asbestose, BK-Nr. 4105 für Mesotheliom) über den Arbeitgeber oder direkt bei der Berufsgenossenschaft gestellt werden.

Auch bei nicht-beruflicher Exposition — etwa durch Renovierungsarbeiten in einer Mietwohnung — ist eine ärztliche Dokumentation wichtig. Sie kann für spätere Schadensersatzansprüche gegen den Vermieter relevant sein. Das Landgericht Berlin hat 2018 entschieden, dass Vermieter ihre Mieter über bekannte Asbestbelastungen informieren müssen (Az. 18 S 140/16). Wer nicht informiert wurde, hat möglicherweise Ansprüche. Die Seite Ihre Rechte als Mieter erklärt die rechtlichen Möglichkeiten.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder Verdacht auf Asbestexposition wenden Sie sich bitte an einen Arzt.

Quellen